Text der Rede auf der Mahnwache „Schleichverkehr stoppen!! Verkehrsberuhigung in der Südstadt erhalten“
18. Nov. 2016 16:30 – 18:00, Landaustraße, Höhe Hausnr. 8-18

Durch die Sperrung der Ludwig-Mond-Straße und der starken Belastung der Frankfurter Str. weichen Autofahrer sehr häufig auf die Fahrradstraße „Menzelstraße/Landaustraße“ aus.
Bereits vor der Sperrung haben viele Autofahrer die Regeln in der Fahrradstraße nicht eingehalten und Fahrradfahrer gefährdet. Jetzt hat der Verkehr extrem zugenommen und die Autofahrer verdrängen die Radfahrer von der Fahrradstraße. Auch Fußgänger, insbesondere Schülerinnen und Schüler während der Schulwegzeiten, sind durch die Masse, Geschwindigkeit und Rücksichtslosigkeit gefährdet. Die Mahnwache setzt ein Zeichen dagegen und bietet Gelegenheit sich zu vernetzen.

 

Es sind im Wesentlichen drei Behauptungen, denen wir mit dieser Mahnwache entgegentreten und die von Herrn Dr. Förster von der Straßenverkehrsbehörde vertreten und die von Teilen des Ortsbeirates der Südstadt bedenkenlos übernommen wurden:

  1. Die Gefährdung durch Verkehrsbelastung ist eine subjektive Wahrnehmung der Anwohner. Die gemessenen Zahlen und ein Film zeigen, dass die Verkehrsbelastung zumutbar sind.
    In einem Antwortschreiben an Frau Brunnengräber schreibt Dr. Förster:„Zweifellos hat das Verkehrsaufkommen baustellenbedingt zugenommen, die von Ihnen vorgetragene Gefährdungen konnten aber weder durch die Polizei, das Ordnungsamt noch durch die Straßenverkehrsbehörde bestätigt werden“ […]
    Zur problematischen Schulwegsituation in der Kreuzung Philosophenweg/An der Karlsaue: „Dieser Kreuzungsbereich liegt innerhalb einer Tempo 30-Zone. Es sind dort immer ausreichend große Lücken im Verkehrsfluss um – auch für Kinder – die Straße gefahrlos zu überqueren. Alternativ dazu können die Kinder die Straße An der Karlsaue auch signalisiert überqueren. […] Aus straßenverkehrsbehördlicher Sicht sind die Schulwege zur Friedrich-Wöhler-Schule sicher.“
  2. Es ist vermutlich ein Quell-Zielverkehr, der größtenteils durch Anwohnende und Anlieger verursacht wird.
  3. Es ist ein temporäres Problem, das nur bis zur Beendigung der Bauarbeiten in der Ludwig-Mond-Straße besteht.

Durch diese Behauptungen werden keine angemessenen Schritte unternommen, um die Verkehrsberuhigung in der Südstadt zu erhalten. Dass diese Behauptungen nicht stimmen, können wir inzwischen belegen:

Die Gefährdung durch Verkehrsbelastung sei eine subjektive Wahrnehmung der Anwohner.

Es wurden zunächst Statistiken vom Ordnungsamt und später von der Straßenverkehrsbehörde vorgelegt. Die Statistiken vom Ordnungsamt sind zusammenfassende Protokolle von Geschwindigkeitsmessungen zur Überführung von Temposündern (Blitzen). Dementsprechend unsysthematisch wurden die Daten erhoben, d.h. die Messorte, -dauer und -zeiten sind eher zufällig gewählt, d.h. die Zahlen lassen sich in der vorgelegten Form nicht vergleichen. Wenn man allerdings die Daten standardisiert, d.h. Autos pro Minute berechnet, die prozentualen Anteile von Verwarnungen und Geldbußen berechnet, hat man vergleichbare Zahlen – und interessante Erkenntnisse:

Die Messungen wurden hauptsächlich in der österlichen Urlaubszeit durchgeführt. Die Analyse weist aber darauf hin, dass der Verkehr in den Urlaubszeiten niedriger ist. Sie zeigt auch, dass die Belastung zu bestimmten Zeiten, ähnlich hoch ist, wie in der doppelspurigen Frankfurter Straße:
13.4. Menzelstraße (nachmittags, stadteinwärts): 5,6 Autos/min;
13.4. Frankfurter Straße (mittags, stadtauswärts) 9,04 Autos/min
04.4. Frankfurter Straße (morgens, stadtauswärts) 2,79 Autos/min.

Es lässt sich zudem feststellen, dass die Anzahl der Verwarnungen steigt, je weniger Autos fahren. Die Geschwindigkeit allein betrachtet ist kein guter Indikator für Verkehrsbelastung und Gefährdungslage. Wenn viele Autos auf der Straße sind, kann – auch bei aggressiver Fahrweise – die Höchstgeschwindigkeit schwerer überschritten werden.

Die von der Straßenverkehrsbehörde dann vorgelegten Statistiken einer Seitenradarmessung sind wesentlich differenzierter und unterscheiden z.B. einzelne Geschwindigkeitsklassen. Allerdings wurde mit dem Messort Kreuzung Menzelstraße/Mozartstraße eine Stelle ausgewählt, an der nur ein kleiner Teil des Schleichverkehrs zugeflossen ist und der fern der Gefahrenschwerpunkte liegt (z.B. Kita Landaustraße und Kreuzung zum Philosophenweg). Und wieder wurde in der verkehrsärmeren Urlaubszeit um Pfingsten gemessen.

In einer zweiten geforderten Seitenradarmessung wurde dann an einer von einem Anwohner empfohlenen Stelle, in Höhe der Landaustraße 12, gemessen. Und nun kommt Herr Dr. Förster auch zu einer ähnlichen Bewertung wie die Anwohner: „Das Geschwindigkeitsniveau ist dort deutlich höher als an den bisher gemessenen Stellen. Hier im konkreten Fall gibt es offensichtlich etwas über 10% Geschwindigkeitsüberschreitungen (>35km/h). In solchen Fällen ist eine verstärkte Überwachung (Blitzer) als Maßnahme angezeigt. Wir haben das Ordnungsamt deshalb am 13.10.2016 gebeten, in dem Bereich häufiger präsent zu sein.“

Eine genaue Analyse zeigt, dass allerdings rund 30% der Fahrzeuge über 30 km/h gefahren sind (>30km/h). Und das Einhalten der Höchstgeschwindigkeit ist bei der engen Fahrbahn kein sauberer Hinweis für eine rücksichtsvolle, bzw. angemessene Fahrweise.
Auch die Seitenradarmessungen zeigen insgesamt zwei Probleme:

  1. hohe Geschwindigkeiten bei wenig Verkehr und
  2. viele Fahrzeuge zu Spitzenzeiten.
    270 Autos innerhalb einer Stunde zur Rushhour am Nachmittag = 4,5 Autos/Minute, durchschnittlich alle 13 Sek. ein Auto.

 

Dies Seitenradarmessung und der neue Befund von Herr Dr. Förster haben zu Nachfragen von uns geführt.

Frage: Können Sie definitiv ausschließen, dass Fahrräder in der Statistik nicht mitgezählt wurden? Die Häufigkeit in der Geschwindigkeitsklasse 10-19 km/h während der Nachtstunden lässt sich an dem Straßenabschnitt m.E. anders nicht befriedigend erklären.
Antwort: „Es werden Fahrzeuge gezählt und bezüglich ihrer Geschwindigkeit gemessen. Es kann nicht vollständig ausgeschlossen werden, dass gelegentlich auch Radfahrer erfasst werden. Das spielt aber keine Rolle. Wir haben festgestellt, dass an der Stelle mehr Fahrzeuge als üblich zu schnell unterwegs sind. Entsprechend haben wir das Ordnungsamt um verstärkte Messungen gebeten. Es ist im Ergebnis unerheblich, ob es beim Anteil der Überschreitungen geringe Unschärfen gibt.“

Wenn der Einfluss von Radfahrern nicht ausgeschlossen werden bzw. eingeschätzt werden kann, ist die Angabe von prozentualen Geschwindigkeitsübertretungen – zumal in einer Fahrradstraße – sinnentleert. Auch die wenigen Fahrzeuge, die zwischen 60 und 70 km/h gefahren sind fallen bei diesem Wert kaum ins Gewicht. Da stellt sich schon die Frage, ob mit den geeigneten Zahlen eine Situation eingeschätzt wird.

Frage: Wurde für die Fahrradstraße eine Analyse der Unfallstatistik vorgenommen und könnten Sie ggf. die Ergebnisse zur Verfügung stellen?

Antwort: “Wir beobachten die Unfallzahlen in Kassel kontinuierlich und stehen dazu mit der Polizei in Verbindung. Die Landaustraße/Menzelstraße ist im Vergleich zu den anderen Straßen der Stadt völlig unauffällig. Wenn man die Unfallkarte von 2010 bis 2015 (sechs Jahre) ansieht, findet man 6 (Landaustraße) bzw. 27 (Menzelstraße) Unfälle verzeichnet, fast alle davon leicht, d.h. ohne Personenschaden und ohne Beeinträchtigung der Fahrbereitschaft der beteiligten Fahrzeuge.“

In der Antwort sind keine Zahlen für das Jahr 2016 enthalten. Immerhin wissen wir jetzt, dass durchschnittlich rund fünf Unfälle pro Jahr gemeldet werden.

Frage: Gibt es definierte Indikatoren und Grenzwerte, die bei der Einschätzung der Verkehrssituation herangezogen werden und die Sie mir zur Verfügung stellen können?

Antwort: „Zur Beurteilung der Verkehrssicherheit gibt es wenige wirklich fest definierte Grenzwerte. In der Regel wird durch die Straßenverkehrsbehörde eine individuelle Bewertung vorgenommen und ggf. im Amt, mit der Polizei und gelegentlich mit dem RP abgestimmt. Ergänzend findet eine Analyse der Unfallstatistik statt, um auffällige Strecken oder Kreuzungen zu identifizieren.“

Die Straßenverkehrsbehörde trifft eine individuelle Bewertung quasi nach Aktenlage. Soviel sei gesagt zur vermeintlichen Objektivität der Behörde und der subjektiven Wahrnehmung der Anwohner.

Es sei ein Quell-Zielverkehr, der größtenteils durch Anwohnende und Anlieger verursacht würde.

Diese Behauptung lässt sich einfach wiederlegen, ohne eine Statistik der durchfahrenden Autokennzeichen anlegen zu müssen. An den 29 Tagen, an denen die zweite Seitenradarmessung stattgefunden hat, wurden 59.390 Fahrzeuge gezählt – stadteinwärts. Also rund 2.050 Fahrzeuge pro Tag in die eine Richtung. Stadtauswärts wurden dagegen 14.937 Fahrzeuge, also ca. 515 pro Tag gezählt. Wenn die Anwohner nicht im Kreis fahren oder in der Stadt bleiben, ist dies ein deutlicher Hinweis auf die Belastung der Tempo-30-Zone durch Pendlerverkehr.

Eine Umfrage in der Kita Ladaustraße, bei der die Anwohnerin Frau Reisse von 150 dort gemeldeten Kindern 100 Eltern befragt hat, ergab, dass 44 Kinder zu Fuß, 7 mit dem Fahrrad und 49 mit dem Auto gebracht werden. Von diesen 49 AutofahrerInnen kommen nur 14 aus Richtung Stadion (stadteinwärts) und ein Großteil aus Richtung Weinberg.

Dies ist ein starker Beleg dafür, dass viele Pendler stadteinwärts die Frankfurter Str. durch die Fahrradstraße umfahren und dabei die Straße für Anwohner und Anlieger verstopfen.

Es sei ein temporäres Problem, das nur bis zur Beendigung der Bauarbeiten in der Ludwig-Mond-Straße bestünde.

Vor Einrichtung der Baustelle war es nicht gut. Die AutofahrerInnen kennen oder berücksichtigen die Regeln der Fahrradstraße nicht und nehmen oft die Vorfahrt. Nebeneinander fahrende RadfahrerInnen werden angehupt und beschimpft.

Auszug Straßenverkehrsordnung zur Fahrradstraße „Der Radverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Wenn nötig, muss der Kraftfahrzeugverkehr die Geschwindigkeit weiter verringern.“

Mit der Baustelle ist es katastrophal geworden und jetzt, seit November, wo es lange dunkel und häufig nass und kalt ist, strömt mehr Verkehr zu Schulwegzeiten.
Wir gehen davon aus, dass nach Beendigung der Baustelle ein Gewöhnungseffekt eingetreten ist: Der Schleichweg ist bekannt und die Fahrweise bleibt unangepasst. Der Schleichweg wird eher attraktiver, weil er wieder weniger Verkehr aufweist und man schneller fahren kann. Das muss man auch, wenn man effektiv die vielen Ampeln der Frankfurter Straße umfahren will. Wie oben gezeigt: Weniger Verkehr führt zu schnellerer Fahrweise und mehr Geschwindigkeitsübertretungen

Dem müssen wir entgegentreten. Die Fahrradstraße wirkt auf das ganze Viertel verkehrsberuhigend und führt zu einer hohen Aufenthaltsqualität im Zugangsbereich der Karlsaue.

Zusammenfassend:

  • Scheinbar objektive Daten und ein Film wurden seitens der Behörde dem Ortsbeirat vorgelegt und dann weder vorgestellt noch besprochen.
  • Das Problem wird auf Geschwindigkeitsüberschreitungen reduziert, dabei ist die Anzahl der Fahrzeuge und die rücksichtslose Fahrweise ein Problem. Die anderen Verkehrsteilnehmer werden verdrängt.
  • Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Anwohner und der Ortsbeirat hingehalten wurden und werden, bis die Teilsperrung in der Ludwig-Mond-Straße aufgehoben wird.
  • Eine Lösung sei nicht möglich, u.a., weil das Problem nur temporär besteht und weil Gegenmaßnahmen andere Bereiche belasten würden. Die Behörde und Teile des Ortsbeirates schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu. So schreibt Herr Dr. Förster, nachdem er sich im Ortsbeirat gegen Maßnahmen ausgesprochen hat:
    „Neben einer Vielzahl von Beschwerden wurde diese Problematik auch in der Sitzung des OBR Südstadt am 12.7.16 erörtert. Unter anderem wurde zur Verkehrsberuhigung des Bereichs Menzelstraße/Landaustraße die Einrichtung einer unechten Einbahnstraße diskutiert. Dieser Vorschlag fand in der anschließenden Abstimmung keine Mehrheit.“
  • Eine Lösung im Sinne der Anwohner wird offensichtlich nicht gewollt.

Lösungen

Dabei gibt es Lösungen, die z.T. auch im 2015 beschlossenen Verkehrsentwicklungsplan unter Maßnahme D3 stehen, aber bislang als nicht machbar bezeichnet wurden:

Zur Vermeidung von Schleichverkehren bietet sich eine Reihe von unterschiedlichen Maßnahmen an: Temporeduzierungen, bauliche Veränderungen zur Verkehrsberuhigung, Einbahnregelungen bis hin zu (ggf. tageszeitlich angepassten)Durchfahrtverboten.

(Quelle: VEP-Abschlussbericht Seite 110 http://www.stadt-kassel.de/projekte/verkehr/infos/18755/)

 

Konkrete Vorschläge wurden und werden im Ortsbeirat vorgestellt:

  • unechte Einbahnstraße stadteinwärts ab Johannesstraße
  • mehr Einbahnstraßen
  • Entschärfung Kreuzung Philosophenweg durch eine abknickende Vorfahrtsstraße
  • Anliegerverkehr in der Fahrradstraße

 

Aktionen

  • Nicht verdrängen lassen und die Fahrradstraße regelkonform nutzen. RadfahrerInnen dürfen nebeneinander fahren.
  • Politischen Druck aufbauen: sich engagieren und Politikern und der Behörde seine Meinung kundtun. (Am 22.11. um 19:00 Uhr findet eine OBR im Café Zuflucht Frankfurter 80 statt)
  • Sich vernetzen und gemeinsam planen.

Vielen Dank an alle Unterstützerinnen und Unterstützer!